Yana Arlt ~ Haiku nach dem Literarischen Spaziergang über die Höfe der Gartenstadt Marga am 4. Juni 2023 geschrieben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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Diesen Text verfasste der 17jährige Elias Wolski im vergangenen Dezember.
Einen kleinen Auszug präsentierten wir bereits in den „Türchen ins neue Jahr“, eine KünstlerInnenaktion alljährlich vom 25.12. bis 5.1. auf dem NLZ-Blog
 

Wie Flocken von Schnee

Tim ist keines dieser Sportasse, er ist kein Superathlet, der beim Sommermarathon je die Goldmedaille gewinnen würde. Doch wenn der Winter kommt mit weißem Advent, dann triumphiert er über allen. Tim ist einsame Spitze beim Rodeln und unschlagbar bei Schneeballschlachten, gerade weil er ein klein wenig schmächtig und recht schlank ist, wird er nie getroffen. Schneespiele sind schon Tradition bei Tim im Dorf. Wann immer der Boden zuschneit, ist das weiße Pachtumland erfüllt vom Spaß der Jungen, die vergnügt und voller Freude sich im und den Schnee formen. Im Winter ist Tim besonders froh, dann blüht er regelrecht auf, denn sonst beachtet den Kleinen niemand, in den anderen Jahreszeiten ist er unscheinbar; Tim die Mauerblume. Wenn er aber über Schneewolken und unter Flockenwirbeln tollt, zieht er die Blicke geradezu auf sich, als wolle er rufen: Ich bin Tim, die Eisblume. Und dann sehen ihn alle an, sie sehen erfreut, stolz und nostalgisch auf Tim, die Erwachsenen. Die anderen Kinder laufen lustig lachend zu ihm oder werfen sich vor ihm in die Schneewolke hinein, falls sie frisch ist, oder auf sie drauf, wenn sie schon länger liegt, was man einfach und simpel erfühlen kann. Ganz heiß umfragt ist die Rodelpiste in der kalten Jahreszeit; einen Schlitten haben alle, der jedoch stets umworben ist. Jeder liebt das Rodeln hier in der Gegend, weswegen die Schlitten stark nachgefragt werden. Ganz ungeduldig warten die Kinder auf die erste Rodelschlittenfahrt. Tim darf als erster die Rodelpiste hinunterrodeln, weil er der Beste ist. Zwar war Nov ihm gestern zuvor gekommen, doch heute ist er dran. Heute kann ich es alles beweisen, dachte sich Tim, erfüllt von Selbstvertrauen und stieß sich geschmeidig von dem Schneehaufen ab. Der Schlitten schiebt sich gemächlich über Kante und stürzt daraufhin in die Tiefe, wobei Tim die kalte Luft um die Ohren zischt, dabei scheint es den Wind nach oben zu ziehen, wie auch sein Innerstes. Tim wird flau im Magen, da setzt der Schlitten mit den Kufen auf und schlägt ihn über. Tim hält sich und den Schlitten zusammen, wie zwei Atome im Kristallgitter. Dann geht die geschwungene Tour weiter, nach einer plötzlichen Wendung nach rechts, kurvt Tim in die linke Richtung, von wo der eisige Zug kommt und ihn in einer Creolenbahn streift. Er hält auf die finale Schanze zu, als er manch anderen Schlittenfahrer hinter sich wahrnimmt, in der schnellen Umdrehung erspäht er i.B. Nov, den unzulänglichsten. Nov ist eine trübe Tasse, füllige bleiche Milch und ein klasse Rodler, doch einholen kann Tim selbst dieser nicht mehr, denn er hebt jetzt ab. Der hohe Bogen, den Tim dabei fliegt, lässt ihn die vielen Stufen zählen, welche er in seiner Vorstellung überspringt. Sein Blick wandert dabei von dem blassblauen Himmel herab zu den weiß geschäumten Landschaften und schließlich zur Brücke, diese ist der Schlittenfahrt Zielgerade. Es ist eine alte Brücke aus Holz und Stein, älter als die Zeit selbst, sagen manche, oder zumindest als die Menschheit, glauben viele. Doch all das kümmert Tim nicht, er hat keine Angst und rast weiter drauf zu. Er würde brechen, sollte er abbremsen und zerbersten, sollte er sie verpassen, aber nur weil Raureif und Frost dieses Mal den Strom gefesselt hatten und er als vereister Fluss unter der Brücke liegt. Tim vermied also jegliche Beugung der Rodelbahn und fuhr über die Brücke. Gleichzeitig landete eine Schneeflocke auf seiner Stirn. Tim stob weiter von dannen, die Flocke allerdings verschwindet nur langsam, sie macht Tims Stirn warm, obschon sie eiskalt ist, sanft als wär es Samt lag sie auf seiner Haut, obwohl sie hart wie ein Eiskristall sein musste. In diesem Moment bemerkte Tim, dass es kein Gefühl ist sondern eine Emotion, die die Schneeflocke erregte; es war die erste Schneeflocke des heutigen Tages. Die anderen folgten bald, eine nach der anderen purzelte hinunter und deckte den Grund immer weiter zu. Allmählich kamen die anderen Rodler ans Ziel, die vielen Kinder mit ihren Schlitten; einer nach dem anderen. Und vorher schon gerieten sie in einen Flockenwirbel, sie gerieten sozusagen in sich selbst. Tim ist im Winter wie blumiges Eis, doch keines der andersartigen Kinder ist Tim, sie waren wie Flocken von Schnee.

 
 
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Wolfgang Wache „Marga – du Wohlwollende“ 6-teilige Postkartenserie mit dem Gedichtzyklus des Marganer Lyrikers und Ortschronisten

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