~ Fürstin ohne H ~
13 Jahre

Die junge Autorin, die sich oben angeführtes Pseudonym zulegte, schrieb lange Zeit in der Gruppe der „Bücherkinder“ und überrascht derzeit mit neuen Texten, die eine erstaunliche künstlerische Entwicklung wiederspiegeln. Lassen Sie sich verwundern über eine besondere Spezies von Weichtieren.

Eine philosophische Schnecke

„Ach, wie sinnlos die Welt doch ist“, seufzte die kleine Schnecke. „Man kriecht durchs Leben, müht sich ab und dann? Dann stirbt man, wird von einem Vogel verspeist, von einem Auto überrollt und nichts bleibt von einem. Gar nichts.“ Die kleine Schnecke hob den Kopf und streckte ihre Augen zum Mond hin, der bleich und rund im dunklen Meer des Sternenhimmels schwamm. „Warum soll man dann überhaupt leben, frage ich mich. Welchen Sinn hat das Leben, wenn die Zeit alles auslöscht?“ Niemand antwortete der kleinen Schnecke. Der nächtliche Wald hüllte sich in rauschendes, knarzendes Schweigen. Nachdem die Schnecke noch eine Weile auf ihrem einsamen Posten verharrt war, erhaschte sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung und drehte den schleimigen Kopf. Aus einem Loch in einem hohlen Baum starrten zwei wachsame, goldene Augen. Die Augen verschwanden und etwas Kleines, Helles erschien. Spitze Krallen bohrten sich in Holz, ein braunweißes Federkleid plusterte sich auf, Flügel breiteten sich aus, ein letztes Wackeln mit dem Hinterteil – dann stürzte sich das Eulenkind todesmutig hinunter. Es fiel und fiel – die kleine Schnecke konnte in Gedanken schon den dumpfen Aufprall auf dem Boden hören – aber irgendwie, auf unbegreifliche Art und Weise, fing es sich ab. Mit flatternden Flügelschlägen. Es flog! Taumelnd und torkelnd – aber es flog! Langsam schraubte es sich hinauf und landete auf einem Ast. Stolz und Erschöpfung funkelten in seinen Bernsteinaugen. Nach und nach meisterten auch seine Geschwister die Herausforderung – mal mehr, mal weniger elegant – bis sich zuletzt auch die Eulenmutter aus ihrem düsteren Heim in die kühle Nachtluft schwang. Wie auf Kommando erhoben sich die Jungvögel und folgten ihr. Lautlos schwebten sie davon und die Dunkelheit verschluckte sie. Dieses Ereignis berührte die Seele der kleinen Schnecke zutiefst. Sie wusste selbst nicht genau weshalb. Sie sann eine Weile darüber nach, dann sagte sie zu sich selbst: „Mag sein, dass das Leben mühsam, schmerzhaft und kummervoll ist und meist ebenso sinnlos endet, wie es beginnt, aber es ist dennoch vor allem Eines. voller Wunder. Ich bin froh am Leben zu sein! Und auch die Tatsache, dass man irgendwann sterben wird, erinnert nur daran, dass man seine kostbare Zeit nicht vergeuden sollte.“ Auch auf diesen Ausspruch blieb der Wald ihr eine Antwort schuldig. Das störte die kleine Schnecke jedoch nicht im Geringsten. Von neuer Lebenslust gepackt, glitt sie von ihrem Kieselstein herunter ins weiche Moos und verschwand in der Nacht, eine silbrig glänzende Schleimspur hinter sich herziehend.

 

~ Wolfgang Wache ~

Vor vielen Jahren war’s, da lag am Ostermorgen ein Gedicht vor der Wohnungstür einer Dichterin. Sie las und staunte. Sie antwortete – mit ein paar Versen. Seit vielen Jahren das stille Zwiegespräch. Der Dichter, der die ersten Zeilen verfasste, nicht ahnend damit eine Tradition zu begründen, schrieb zweitausendsieben:

Verse eines Realexistierenden!

Ostern war’s
Verlodert sind meine alten Prothesen
Sie wurzeln immer noch am Tagesanbruch
Morgendliche Riten
entführten Hauptes
Von Tränen unberührt
Mittägliche Weisheit des kargen Leibes
Allabendliche Ruhelosigkeit
Unruhe ist was treibt
ein Floß zu bauen
Unüberwindbare geifernde Traumflut
Getrieben vom Jüngsten Gericht
Überall starrsinnige Pessimisten

Ich zimmere neue Prothesen
tanzend auf einem Seil
Gut zu wissen
…dass es noch zugreifende Hände gibt

Tanzboden meiner fidelen Urkraft

Dank

Ostern war’s!

 

~ Alexander Kiensch ~

Alexander ist derzeit einer der eifrigsten Wochenthemaschreiber. Woher er jede Woche die Ideen für seine Prosa und Lyrik nimmt, könnte man ihn fragen, wenn man ihm in der Sommerwerkstatt des „Autorenkreis Kornblume“ oder beim Lausitzer Lyrikfestival begegnet. Der Germanist drückt noch einmal im Bereich Verlagswesen die Schulbank und schafft es trotz Lernen für Klausuren den Wochenthemaordner mit neuen Geschichten und Gedichten zu füttern. Besonders sein zweites Buch „Kompott“ hat von diesem Fundus profitiert. Die folgende Erzählung entstand zum Wochenthema 3/2017 „Verdienst“.

Stilles Leiden

Das Zimmer riecht muffig. Wie immer, denkt er, dabei war er noch gar nicht so oft hier. Das erste Mal hat ihn diese abgestandene Luft beinahe in die Flucht getrieben. Aber so schlimm war es dann doch nicht. Schließlich, hat er sich gesagt, kommt er ja nicht wegen der frischen Luft hierher.
Während sie die Tür schließt, lässt er sich schon in den Sessel am Fenster fallen. Die Woche war mal wieder anstrengend – lange Arbeitstage, Überstunden wegen der anstehenden Konferenz – und außerdem hat sich Sandra gemeldet, wegen irgendeiner Lappalie, und alles wieder aufgewühlt. Bei ihm aufgewühlt.
Sein Blick gleitet zu ihren Beinen, als sie sich ihm gegenüber auf die Bettkante setzt. Sie streift ihre Jacke von den Schultern ab mit einer Bewegung wie im Film. Das muss sie doch irgendwo gelernt haben.
Die ersten Male hat dieser Anblick ein wohliges Kribbeln bei ihm ausgelöst. Das tut er immer noch, keine Frage, aber heute scheint ihm das alles schon irgendwie zu bekannt zu sein. Zu alt. Vielleicht ist er auch einfach nur besonders müde.
Was musste Sandra auch anrufen. Ausgerechnet in dieser Woche, wo er doch sowieso schon so viel um die Ohren hat. Wegen irgendwelcher blöden Sachen, die sie angeblich vergessen hat. Und? Soll er ihr jetzt irgendwelche Pakete hinterher schicken? Sandra wollte gehen, Sandra ist gegangen, Sandra hat ihn allein in diesem Nichts von Leben zurückgelassen, also was soll das? Kann sie es nicht endlich dabei bewenden lassen?
Mit leicht schief gelegtem Kopf lächelt sie ihn an. Das reißt ihn wieder aus seinen verärgerten Gedanken heraus. Dieses Lächeln ruft das Gefühl, das warme Kribbeln zurück.
Wobei verärgert gar nicht das richtige Wort ist, denkt er, während er seufzend noch einmal aufsteht, um den Reißverschluss zu öffnen. Er fühlt sich viel eher unendlich erschöpft. Als könne er bald nicht mehr. Als sauge Sandra ihm immer noch alle Energie ab.
Das Polster des Sessels drückt sich in seine Hinterbacken, als er sich wieder setzt. Es ist warm hier, wenigstens etwas. Trotzdem muffig. Als würde hier zu selten gelüftet. Ist wahrscheinlich der Fall.
Sie zieht ihr Oberteil aus, wieder mit einer Bewegung wie aus dem Film. Durchgedrückter Rücken, sodass sie ihm ihre Brüste entgegen streckt. Dieser Anblick lässt ihn seine finsteren Gedanken endlich für einen etwas längeren Moment vergessen. Irgendwie leer und irgendwie befriedigt schaut er ihr zu, wie sie das Top beiseite legt, ihn wieder anlächelt, dann den BH öffnet. Dieser Moment, das ist es, wenn er ihre Brustwarzen zum ersten Mal sieht. Fast so gut wie ihre erste Berührung.
Unwillkürlich nickt er und denkt, dass er doch wirklich Glück hat. Er bekommt wirklich was geboten für sein Geld. Obwohl es natürlich teuer ist, keine Frage. Er kann nicht so oft herkommen, wie er gern würde, dafür reicht sein Gehalt nun wirklich nicht. Und das frustriert ihn dann doch wieder.
Und auch das, denkt er, ist Sandras Verdienst.
Wie kann sie nach so langer Zeit alles hinschmeißen. Ihn so verletzen. Sein Leben so zerstören. Und vor allem, wieso leidet er immer noch weiter, obwohl sie doch schon längst weg ist. Seit Monaten weg ist. Das ist nicht fair, denkt er, bei weitem nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten. Es ist nicht fair, dass ein Mensch so viel leiden kann.
Sie gleitet von der Bettkante und kommt auf allen vieren zu ihm herüber. Ihre Brüste hängen herab, ein wunderbarer Anblick. Er denkt an Sandras Brüste. Viel zu klein. Aber das stimmt nicht, das ist nur ein Versuch, seine Verzweiflung als Wut zu tarnen. Als sie noch bei ihm war, hatte er nie etwas an ihr auszusetzen.
Schon wieder ist er gedanklich bei Sandra, als sie ihn, auf allen vieren, erreicht. Ihre Hand gleitet sanft seinen Oberschenkel hinauf und dann ist er da, dieser eine Moment, wenn sie ihn zum ersten Mal berührt. Blitze zucken sein Rückgrat hinauf. Er schließt die Augen. Ein Stöhnen entweicht seiner Kehle.
Ihr warmer Atem streicht über seine Haut. Sie ist jetzt ganz nah. Vielleicht hätte er sich vorher nochmal waschen sollen. Aber wann denn? Er ist von der Arbeit direkt hierher gekommen und danach fährt er nach Hause, isst ein wenig und geht schlafen, um morgen wieder zur Arbeit zu fahren. Arbeit, Schlafen, Essen, das ist sein Leben. Und immer wieder Sandra, die ihn weiterhin fertig macht. Wie soll das ein Mensch aushalten, fragt er sich.
Ihre Hand greift fest zu und bewegt sich rhythmisch. Er stöhnt wieder. Mit geschlossenen Augen fragt er, halb zu ihr, halb zu Sandra: „Wieso machst du das so gut?“
„Damit verdiene ich doch mein Geld“, antwortet sie in ihrem gebrochenen Deutsch. Er öffnet die Augen und sieht zu ihr herab. Sie lächelt zu ihm herauf. Ihre Hand bewegt sich unentwegt weiter. Noch keine Reaktion. Die Woche war wirklich anstrengend.
Aber als sich ihre Lippen öffnen, da verschwindet endlich alles andere wie hinter einem Vorhang, bleibt weg, lässt ihn in Ruhe. Und mit der Wärme ihres Mundes genießt er das Gefühl, endlich einmal nicht daran denken zu müssen, und sei es auch für einen noch so kurzen Zeitraum, wie sehr er doch an seinem Leben zu leiden hat.